22.03.2016

FinTech-Boom hält an

Money 20/20 Europe legt Zukunftspotenzial digitaler Finanzdienstleitungen offen

Frankfurt am Main. Mehr als 3.500 Besucher und über 400 Referenten aus rund 1.000 Unternehmen nahmen dieses Jahr an der Money 20/20 Europe in Kopenhagen teil, dem größten FinTech-Event in Europa. Vier Tage lang diskutierte die Branche wie viel Potenzial tatsächlich in innovativen Bezahl- und Finanzdienstleistungen steckt. Das Ergebnis: Der FinTech-Boom reißt noch längst nicht ab. Die Venture Capital Investments steigen weltweit an. Zudem sind zahlreiche Player auf Wachstumskurs und gehen dazu über, Banklizenzen zu erwerben.

„Weltweit wurden im vergangenen Jahr rund 49,5 Milliarden Dollar in FinTech-Startups investiert“, sagt Stephan Paxmann, 1. Vorsitzender des TME Instituts für Vertrieb und Transformationsmanagement. Davon flossen allein 17,4 Milliarden an Firmen aus dem Silicon Valley. In Europa kam mit 5,4 Milliarden Dollar das meiste Kapital in Großbritannien an, dessen Hauptstadt aktuell als europäischer FinTech-Hub gehandelt wird. Doch dass der Markt rund ums Digital Banking wächst, zeigte in Kopenhagen nicht nur der stete Zuwachs an Venture Capital. „Viele namhafte FinTechs gaben auf dem Event bekannt, im großen Stil expandieren zu wollen“, so Paxmann. Allen voran AliPay und SamsungPay. Das Tochterunternehmen der Samsung Group kündigte an, in die globale Offensive gehen zu wollen. Der Auftakt ist in Spanien und Großbritannien geplant. Der chinesische Bezahldienst AliPay will dagegen den europäischen Markt von Deutschland, England und Frankreich aus aufrollen. Darüber hinaus soll im Mai innerhalb der App eine „Local Service Platform“ starten. Je nach Aufenthaltsort erhält der Nutzer dann standortbasierte Infos, Angebote und Gutscheine. „Diese Lokalisierung und das Einbetten des digitalen Bezahlgeschäfts in Communities zeigt, wie innovativ die FinTech-Branche ist“, so Paxmann.

Trend zu eigener Banklizenz

Was ebenfalls in Dänemark ersichtlich wurde: Um mehr Spielraum für Expansion und neue Produkte zu haben, gehen viele FinTechs dazu über, Banklizenzen zu erwerben. Ein gutes Beispiel dafür gab neben der Tandem Bank und Number26 insbesondere die Atom Bank ab. Auf der Money 20/20 feierte das Geldhaus die Freischaltung seiner Banking-App im Apple Store und damit seinen offiziellen Start als rein digitales Kreditinstitut. „Angefangen hat das Unternehmen vor zwei Jahren als Startup“, erklärt Stefan Roßbach vom TME Institut. Bereits im Juni 2015 folgte die eigene Banklizenz. Heute steht der britische Finanzdienstleister mit seinen 160 Angestellten und seinem breiten digitalen Portfolio, das vom eigenen Girokonto bis hin zur Kreditkarte reicht, in direkter Konkurrenz zu etablierten Kreditinstituten.

Geldhäuser werden aktiv

Erfolgsgeschichten wie diese lassen traditionelle Banken aufhorchen. „In Kopenhagen konnte man sehen, dass in vielen Geldhäusern bereits ein Umdenken stattgefunden hat“, so Roßbach. Die Mehrheit habe bereits eine digitale Strategie entwickelt und die Fühler nach potenziellen Kooperationspartnern oder Venture Capital Investments ausgestreckt. So ist zum Beispiel die spanische BBVA an der Atom Bank mit rund 30 Prozent beteiligt. Die ING DiBa setzt dagegen auf integrierte Services. Um ihren Kunden einen spürbaren Mehrwert zu liefern, arbeitet Deutschlands drittgrößte Privatkundenbank gleich mit mehreren FinTechs zusammen, unter anderem mit Easyfolio, Gini Pay und WebID Solutions. Beide Seiten profitieren von Bündnissen wie diesen. Darüber war man sich auf dem FinTech-Event einig. „Doch nicht für jede Bank ist die Kollaboration mit der Konkurrenz der Königsweg“, betont Roßbach. Wie gut auch eigene Entwicklungen funktionieren können, zeigt die Erste Bank und die Sparkassen aus Österreich. Gemeinsam haben sie das Internetbanking-Portal MyGeorge aus der Taufe gehoben, um ihren Kunden ein digitales „state-of-the-art“-Kundenerlebnis  vergleichbar mit Google, Facebook und Co. zu bieten und Konkurrenten abzuwehren. Der Dienst verzeichnet 1.600 Neukunden pro Tag.

Algo-Banking und Blockchain

Was in Kopenhagen ebenfalls heiß diskutiert wurde, ist das enorme Marktpotenzial von Robo Advisory. Die algorithmus-gesteuerte Anlageberatung wird von den Marktführern Wealthfront und Betterment gezielt vorangetrieben und erfreut sich bei privaten Anlegern wachsender Beliebtheit. Allein Betterment, das vor kurzem 100 Million Dollar an Venture Capital erhielt, sammelte mit seiner onlinebasierten Vermögensanlage zuletzt 2,8 Milliarden Dollar ein, die Kundenzahl ist auf 150.000 gestiegen. In Deutschland flossen zudem sieben Millionen Euro Venture Capital in Scalable Capital. „Von diesem Kuchen wollen sich nun auch die angestammten Geldhäuser ihren Teil abschneiden“, sagt Paxmann. Doch den meisten Investoren und Kreditinstituten sei klar, dass sich Algo-Banking noch am Anfang befände. Das gilt auch für das Thema Blockchain. „Niemand möchte den Anschluss an diesen Trend verlieren“, fasst der Finanzexperte den Grundtenor zusammen. Doch den konkreten Kundenmehrwert sehe man in der Finanzdienstleistungsbranche noch nicht. Bislang stellt die Technologie eher eine interessante Infrastrukturlösung für Banken dar, die mit dem System ihre Kosten senken könnten.

FinTechs wollen keine Sonderbehandlung

Last but not least stellte sich angesichts des FinTech-Booms für viele Branchenvertreter die Frage nach der Regulierung. Deutlich wurde, dass die meisten FinTechs keine Sonderbehandlung, sondern vor allem schnelle Lösungen von den Regulierungsbehörden erwarten. „Nach Meinung der meisten Experten wäre eine Regulierung auf dem Level Playing Field, also Vorgaben für die neuen Finanzdienstleistungen und nicht für die FinTechs selbst, am zielführendsten“, resümiert Roßbach. Befürwortet werde zudem eine engere Zusammenarbeit mit den Behörden. Als Schritt in die richtige Richtung wurde dementsprechend die „regulatory sandbox“ der britischen Finanzaufsichtsbehörde FCA gewertet. Sie soll Startups in regulatorischen Fragen unter die Arme greifen und Anfang Mai an den Start gehen. In Deutschland ist die BaFin ebenfalls dabei, eine zentrale Anlaufstelle für FinTechs einzurichten, informiert Roßbach. Doch das dürfe nur der Anfang sein, denn eines sei auf der Money 20/20 Europe klar geworden: Deutschland ist zwar in der Top 10 der digitalisiertesten Länder Europas vertreten, aber aus Sicht der FinTechs und Investoren noch viel zu stark reguliert, um im Digital Banking weiter aufzusteigen. Die Frontrunner sind und bleiben vorerst Großbritannien und Dänemark.

TME Institut für Vertrieb und Transformationsmanagement e.V.

Seit 2011 geht das Institut in Kooperation mit Universitäten und Fachexperten aktuellen Entwicklungen im Banking nach, insbesondere in den Bereichen „Risiko & Regulatorik“, „Transformation Management“ sowie „Digital Banking“. Das Institut hat u.a. das Fachbuch „Innovative Geschäftsmodelle im Banking: Factbook 2015.“ (Bank Verlag, 2015) veröffentlicht, das erstmals einen fundierten Marktüberblick über die Digital Banking-Branche gibt. 

Fachbeitrag u.a. erschienen in:

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