29.01.2016

Bundesrat verabschiedet Novellierung des Bausparkassengesetzes

Durch die Änderung entsteht ein Hybrid aus Bausparkasse und Immobilienbank. Dies eröffnet neue Chancen für die Bausparkassen. Um das Bausparen nachhaltig zukunftsfähig zu machen, muss eine Einbettung in neue digitale Ökosysteme rund um das Thema Bausparen gelingen.

Der Finanzsektor ist im Umbruch. Dabei sind Bausparkassen ebenfalls betroffen. Ca. 30 Mio. Bausparverträge besitzen die Deutschen. Das Bausparen ist in Deutschland Tradition und wird schon seit vielen Jahren häufig in Kombi­nation zum Annuitätendarlehen der Bank als Verbundprodukt verkauft. Jedoch funktioniert das Bausparen nicht mehr in Zeiten von extrem niedrigen Zinsen, zumindest nicht im aktuellen Entwurf des Bausparkassengesetzes. Hier soll die neue Gesetzesänderung Abhilfe schaffen. Die be­schlossene Gesetzesänderung vom 18. Dezem­ber 2015 trat im Januar 2016 in Kraft.

Kerninhalte der Gesetzesänderung:

  • Ausweitung der Kreditvergabe der Bausparkassen
  • Anhebung der Beleihungsgrenzen von 80% auf 100% des Beleihungswerts
  • Erlaubnis zur Emission von Hypothekenpfandbriefen
  • Anlage von liquiden Mitteln in Aktien (erst ab 2017)

Die weitere Detaillierung der Gesetzesänderun­gen werden noch über die Finanzaufsicht BaFin durch eine Anlageverordnung veröffentlicht. Der Verband der privaten Bausparkassen begrüßt die Novellierung.

Welche Risiken können durch die regulatorischen Änderung des Bausparkassengesetzes entstehen?

  • Kontrolle: Die regulatorischen Änderungen sind der Erste und ein wichtiger Schritt um die Widerstandsfähigkeit der Bausparkassen insbesondere gegen die von der Europäischen Zentralbank verordnete Niedrigzinspolitik zu erhöhen bzw. dieser standzuhalten. Zusätzli­che Kontrollen sollten auf die neuen Anlage­möglichkeiten der liquiden Mittel, resultierend aus der Erweiterung des Bausparkassengesetzes, gesetzt werden. Durch das erweiterte Risikomanagement können die Risiken der neuen Anlagemöglichkeiten und erweiter­ten Beleihungsgrenzen gehemmt und gesteu­ert werden.
  • Risikoreichere Finanzierungsmöglichkeiten: Die Erweiterung der Beleihungsgrenzen von 80% auf 100% ist grundsätzlich mit höheren Risiken verbunden. Das erhöhte Risiko resultiert aus der Ausweitung der Beleihungsgrenze. Die Beleihungsgrenze einer Immo­bilie ist der Wert bzw. der Prozentsatz bis zu welchem Kreditinstitute maximal Kredite aus­geben dürfen. Die Beleihungsgrenze ist bei Verwertung der Immobilie (Kreditsicherheit) der angenommene Erlös der nicht unter­schritten wird. Erhöht sich die Beleihungs­grenze, so steigt ebenfalls das Risiko. Die Kreditsicherheit deckt folglich nicht mehr das volle Kreditvolumen ab. Dies ist vom Markt- bzw. Verkehrswert der Immobilie bei Veräußerung abhängig. Positiv zu werten ist, dass die Bezugsgröße der Beleihungswert und nicht der Verkehrswert der Immobilie ist. Falls sich der Immobilienboom eines Tages umkehren bzw. negativ entwickeln sollte, ist eine Risikomitiga­tion dadurch jedoch nicht gegeben.
  • Sicherer Hafen: Bei der letzten Finanzkrise waren die Bausparkassen so gut wie nicht betroffen, da sie aufgrund ihres Status als Spezialkreditinstitut viele Geschäfte nicht machen durften. Andere Marktteilnehmer - herkömmliche Universalbanken - dürfen diese Geschäfte schon längst wahrnehmen und ge­nau diese wurden den Banken zum Verhäng­nis. Der Kern des Bausparens ist Sicherheit und Stabilität (vertraglich abgesicherter Zins). Mit risikobehafteten Investments entsteht die Gefahr diese Leistungsversprechen zu unter­wandern.

Durch die Gesetzesnovellierung werden die Bau­sparkassen nicht mehr „speziell“ sondern unspe­zifisch: ein Hybrid aus Bausparkasse und Immo­bilienbank.

Welche Chancen ergeben sich für die Bausparkassen?

  • Aktive Steuerung: Die Gesetzesnovellie­rung verspricht mehr Freiheiten und damit auch mehr Unabhängigkeit. Denn durch die größere Auswahl an Anlagemöglichkeiten ist mehr Spielraum gegeben. Hier können Bausparkassen einen Puffer schaffen, um Niedrigzins Verträge oder einen niedrigen Kollektivtopf ausgleichen zu können.
  • Neue Produkte: Gleichzeitig besteht die Mög­lichkeit aus den gewonnen Freiheiten neue Produktvariationen zu konstruieren. Klassische Produkte (abgesicherter Zins) könnten nun gepaart mit innovativen Produkten (Niedrig­zins & Aktienrendite) verkauft werden. Der Kunde entscheidet somit selbst wie viel Risiko er in seinem Produkt eingehen möchte.
  • Neue Märkte, neue Kunden: Mit der Hybrid-Sonderstellung erhöhen Bausparkassen ihre Reichweite und begegnen neuen Absatzmärkten mit neuen Kundengrup­pierungen. Zum einen ermöglicht dies einen Fokus auf Neukundengewinnung, zum anderen bietet es eine größere Bandbreite von Produkten für bestehende Kunden an. Dies kann maßgeblich zur Kundenbindung beitra­gen („alles aus einer Hand“). Bausparkassen werden flexibler in der Ausgestaltung ihrer Produkte bzw. Zielgruppen und positionieren sich noch gezielter für das Thema „Immobilie“.

Welche Fähigkeiten werden benötigt, damit Bausparkassen im Zuge einer digitalen Welt diese Neuerungen für sich nutzen können?

  • Gesellschaftstransformation und damit ver­bundene, neue Kundenbedürfnisse erken­nen: Die Digitalisierung verändert Gesellschaft und Generationen. Eine immer digitaler wer­dende Gesellschaft ändert die Relevanz zu Planbarkeit und Häuslichkeit. Bisher geht es im klassischen Bausparen nicht um kurzfristige Zinsoptimierung, sondern um langfristige Planbarkeit. Es ist jedoch zu beobachten, dass heranwachsende, jüngere Generationen aber auch bestehende Kundengruppen in Teilen flexibler auf Zeit und Besitz reagieren. Anfor­derungen an das Bausparen werden indivi­dueller. Konkrete Use-Cases für verschiedene Segmente sind zu entwickeln, die nicht nur das Alter der Kunden (GenY), sondern insbesondere auch Anforderungen an Besitz, Flexibilität und Risikobereitschaft berücksichtigen.
  • Digitalen Vertrieb verstehen: Bausparen muss als integraler Bestandteil im Ökosystem Erwerb und Betrieb einer Immobilie stärker verankert und durch digitale Zugangswege das Produkt „Bausparen“ erlebbarer werden. Mögliche Beispiele sind direkter Abschluss mittels App, Push-Nachrichten bei Erreichen bestimmter Sparschwellen oder Darstellung des Status/Füllstand der Ansparphase bzw. des verfügbaren Kredits. So kann das Bausparprodukt weg von einem Push-Produkt (das nur über die Filiale oder die eigene Website ver­trieben wird), hin zu einem Pull-Produkt (das aktiv vom Kunden nachgefragt wird) entwi­ckelt werden.
  • Neue digitale Wertschöpfungsketten schaffen: Erfolgreiche Internetgeschäftsmodelle leben von der Einbindung in das digitale Ökosystem. Eine stärkere Einbindung des Bausparprodukts (z. B. durch Sparanrei­ze), Verankerung des Bausparens in „Immobilienwelten“ (Airbnb, Ikea, Baumärkte, Gartengestalter/Wintergärten, etc.) würde nicht nur eine größere Reichweite erzielen, sondern auch Cross-Selling Potenziale heben. Bausparen wird somit nicht isoliert, sondern als integraler Bestandteil des konkreten Immobilienziels betrachtet. Voraussetzung ist dabei die richtige Wahl der digitalen Partner und Partnersysteme, um eine WIN-WIN Situation zu schaffen.
  • Alte Wertschöpfungsketten transformieren: In einer digitalen Welt sind neue und ande­re Fähigkeiten und Kompetenzen gefragt. Schnelligkeit (Zugriff), Effizienz (Abwick­lung) und Transparenz (Informationsklarheit) spielen dabei entscheidende Rollen. Diesen Änderungen sind als Bausparkasse Rechnung zu tragen, um sich zukunftsfähig - insbesondere gegen wachsende digitale Konkurrenz - zu positionieren. Hierbei sind folgende Kern­fragen zu beantworten: Welche Geschäftstätigkeiten können digital effizienter aufgesetzt werden, um das Kun­denasset (Spargeld) erfolgreich im Markt einzusetzen und Gewinne erwirtschaften zu können? Welche Fähigkeiten müssen wir gezielt aufbau­en und entwickeln, um die neuen Anforderun­gen zu bedienen? Digitale Anforderungen - auch im Backend - sind einzubeziehen und die dafür notwendigen Fähigkeiten langfristig in der Organisation zu verankern.

Fazit

Allein die Gesetzesnovellierung wird je­doch nicht dazu führen, dass Bausparkassen sich mit dem bisherigen Produkt „Bausparen“ zukunftsfähig positionieren. Erst die Anpassung an die digitalen Anforderungen, ob durch Gesell­schaft, Kunde, Vertrieb, Partner oder Prozesse ebnet den erfolgreichen Weg in ein langfristiges Ökosystem rund um das Thema Immobilie. Denn Bausparkassen müssen vor allem in der digitalen Welt - in der die wirtschaftliche Wertschöpfung bereits stattfindet und sich digitale, branchen­fremde Player im Bereich Immobilie erfolgreich platzieren - mithalten können. Die Novellierung sorgt dafür, dass das Spielfeld nun größer wird, aber erst mit der richtigen digitalen Strategie kann dies vielversprechend genutzt werden.

 

Autoren: Jan Franz, Julia Tanasic