06.09.2016

Der IFRS 9 strukturiert die Bewertung und Bilanzierung von Finanzinstrumenten neu

TME Whitepaper IFRS 9

Der vom IASB (International Accounting Standards Board) veröffentliche Standard IFRS 9 Finanzinstrumente resultiert aus einer umfassenden Überarbeitung des IAS 39 (International Accounting Standards) und löst diesen zukünftig ab. Der neue Standard muss ab dem 1. Januar 2018 verbindlich angewendet werden. Der IFRS 9 setzt sich aus den drei Phasen Klassifizierung finanzieller Vermögenswerte, Wertminderung finanzieller Vermögenswerte und Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen zusammen. Es ist davon auszugehen, dass der neue Standard zu einer Erhöhung in der Risikovorsorgebildung führen wird.

Die späte bilanzielle Abbildung von Kreditaus­fällen wurde im Zuge der Subprime Finanzmarktkrise als wesentliche Schwäche in den bestehenden Regelwerken zur Rechnungslegung angemerkt. Zum einen wurde das prozyklische Vorgehen bei der Feststellung von Kreditaus­fällen und die damit verbundene Bildung der­Risikovorsorge und zum anderen der hohe ­Detaillierungsgrad, die Komplexität und die schwere Verständlichkeit des IAS 39 bemängelt. Vor allem die politische, aber auch die öffentliche Kritik erhöhte den Druck auf den IASB die Bilanzierung von Finanzinstrumenten zu reformieren.

Der IAS 39 basiert auf einem sogenannten ­Incurred-losses-Modell. Hierbei wird erst beim Eintritt eines Ausfallereignisses der Kreditausfall erfasst. Dies führt wiederrum zu einer Inkongruenz zwischen Risikoaufschlag und erfasster Wertminderung. Das IFRS 9 Modell sieht vor, die Wertminderung anhand von zu erwartenden Kreditausfällen und Cashflows anstelle von historischen Ausfallereignissen zu bilden (Remaining Lifetime Expected Losses). Aufgrund seiner Komplexität wurde das IFRS 9 Projekt in folgende drei Phasen gegliedert:

  • Phase 1: Klassifizierung finanzieller Vermögenswerte
  • Phase 2: Wertminderung finanzieller Vermögenswerte
  • Phase 3: Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen

Klassifizierung finanzieller Vermögenswerte

Beim erstmaligen Bilanzansatz sind nach IFRS 9 die Halteabsicht des Vermögenswertes im Sinne einer Geschäftsmodelleinschätzung zur Steuerung sowie die vertraglichen Zahlungsströme zu analysieren. Aufbauend auf diesen Erkennt­nissen wird eine Klassifizierung in eine der folgenden drei Bewertungskategorien vorgenommen:

  • Fair Value through Other Comprehensive Income (FVtOCI): Hierbei handelt es sich um eine erfolgsneutrale Bewertung der Schuldinstrumente zum Fair Value, wobei Änderungen im sonstigen Ergebnis erfasst werden
  • Fair Value through Profit or Loss (FVtPL): ­Ergebniswirksame Bewertung zum beizulegenden Zeitwert, wobei Änderungen ertrags- oder aufwandswirksam erfasst werden
  • Amortised Cost (AC): Bewertung zu fort­geführten Anschaffungskosten

Eine Umgliederung bzw. eine Reklassifizierung eines finanziellen Vermögenswerts auf der ­Aktivseite in eine andere Bewertungskategorie ist ausschließlich bei einem Wechsel des ­Geschäftsmodells möglich. Die Klassifizierung auf der Passivseite ist weitestgehend unverändert geblieben.

Basierend auf dieser Logik ist für jedes Instrument, welches in den Anwendungsbereich des IFRS 9 fällt, zum Zugangszeitpunkt eine Kategorisierungsentscheidung vorzunehmen. Diese Entscheidung kann mittels einer vier Schrittfolge abgeleitet werden:

  • Schritt 1: Initiale Einstufung als Eigenkapitalinstrument, Derivat oder Fremdkapitalinstrument
  • Schritt 2: Bestimmung des Geschäftsmodells
  • Schritt 3: Prüfung der Zahlungsstrombedingung
  • Schritt 4: Ausübung von Bewertungswahlrechten

Ausschlaggebend für die Bilanzierung von ­Finanzinstrumenten und deren fortlaufenden ­Bewertung ist deren Klassifizierung. Unternehmen stehen daher zum einen vor der Herausforderung die Ermessensentscheidungen sorgfältig zu treffen und zum anderen die Kategorisierung für jedes Finanzinstrument separat vornehmen zu müssen.

Wertminderung

Die Regelung zur Ermittlung der Risikovorsorge bezieht sich auf einen sogenannten Three-­Stage-Approach. Die Risikovorsorgebildung wird im ­Wesentlichen von einer signifikanten Erhöhung der Ausfallwahrscheinlichkeit vorangetrieben. Bei diesem Modell werden zu jedem Reportingstichtag alle Geschäfte der impairmentrelevanten Grundgesamtheit in drei Stufen eingeordnet (siehe Abbildung).

Jedes Geschäft wird exakt einer Stufe zugeordnet, kann aber im Rahmen der Folgebewertung, bei erhöhtem oder verringertem Kreditrisiko, ­innerhalb der Stufen transferiert werden.

Einordnung in Stufe 1 „Performing“:

In Stufe 1 werden zum Reportingstichtag alle ­Geschäfte eingestuft, bei denen kein Loss Event (als Loss Event wird eine Verschlechterung der Kreditqualität bezeichnet, als Beispiel kann ein Verzug der Tilgungszahlungen genannt werden) im Sinne des IFRS 9 eingetreten ist. Die Risikovorsorge wird in Höhe der erwarteten Verluste, die innerhalb eines Jahres eintreten können, gebildet. Im Falle einer Restlaufzeit von weniger als einem Jahr beinhaltet die Risikovorsorge den ­gesamten zu erwartenden Verlust. Zinserträge werden in Stufe 1 auf Basis ihres Bruttobuchwerts ermittelt, wobei der ursprüngliche vertragliche Effektivzinssatz verwendet wird.

Einordnung in Stufe 2 „Underperforming“:

Stufe 2 beinhaltet alle Geschäfte, die zum ­Reportingstichtag eine signifikante Erhöhung der Ausfallwahrscheinlichkeit aufweisen, bei welchen jedoch noch kein Loss Event eingetreten ist. Für diese Geschäfte muss eine Risikovorsorge in Höhe der erwarteten Verluste für die komplette Restlaufzeit gebildet werden. Zinserträge werden ebenfalls in Höhe des ursprünglichen vertrag­lichen Effektivzinssatz vereinnahmt.

Einordnung in Stufe 3 „Credit Impaired“:

In Stufe 3 sind alle Geschäfte enthalten, bei ­denen zum Reportingstichtag ein Loss Event eingetreten ist bzw. ein objektiver Hinweis auf einen Eintritt vorliegt. Diese Geschäfte sind mit ihrem jeweils zu erwartenden Verlust auf die gesamte Restlaufzeit zu unterlegen. 

Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen:

Das vorrangige Ziel der Überarbeitung zur Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen ist, gezielte Informationen über die Risikomanagement­aktivitäten eines Unternehmens bereitzustellen und eine Vergleichbarkeit dieser Maßnahmen zu ermöglichen. Es soll den Adressaten ermöglichen, anhand der Rechnungslegung abzuleiten, welche Risikomanagementpolitik verfolgt wird und wie die angewendeten Sicherungsbeziehungen dazu beitragen die Risiken zu minimieren. Im Vergleich zum IAS 39 gelten stärkere prinzipienbasierte Vorschriften, welche wiederrum die Bandbreite an Sicherungsgeschäften für das Hedge Accounting erhöhen.

Fazit

Im Vergleich zum IAS 39 wurde der Anwendungsbereich der Wertminderungsvorschriften deutlich ausgeweitet. Der IFRS 9 sieht vor, dass Unternehmen für alle Finanzinstrumente beim erstmaligen Bilanzansatz eine Klassifizierung durchführen. In Abhängigkeit der Klassifizierung muss für sämtliche Ausfallrisiken, die nicht erfolgswirksam bewertet wurden, eine Risikovorsorge gebildet werden. Es ist davon auszugehen, dass der neue Standard zu einer Erhöhung in der Risikovorsorge führen wird. Als wesentliche ­Herausforderung ist festzuhalten, dass Unternehmen nicht nur historische Daten berücksichtigen, sondern zusätzlich die Auswirkungen aktueller Gegebenheiten und Informationen verarbeiten müssen, um daraus objektive Hin­weise auf Wertminderung ableiten zu können. Die sich hieraus ergebenden Ermessungsspielräume müssen in Form von Angaben zu Annahmen, Verfahren sowie Inputdaten im Abschluss erläutert werden.

Autoren: Stefan Bachinger, Christian Behrens