12.12.2017

Instant Payment – Echtzeitüberweisung als langfristige Alternative zum Bargeld

Egal ob Tweets oder SMS vom anderen Ende der Welt, der Konsument erwartet die Übertragung von Informationen sofort und ohne Zeitverzögerung. Einzig der Zahlungsverkehr galt diesbezüglich ­bisher als große Ausnahme. Dank Instant Payment soll dies der Vergangenheit angehören. Überweisung und Empfang in nahezu Echtzeit lautet das Versprechen. Langfristig ergeben sich dadurch zahlreiche ­Anwendungsfälle um das Zug-um-Zug Geschäft sowohl im P2P-Bereich als auch im stationären Handel ohne Bargeld abbilden zu können.

Der Zahlungsverkehr hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark gewandelt. Neben dem klassischen Zahlungsmittel, wie z. B. Bargeld oder Kreditkarten, etablierten sich zunehmend alternative Zahlungsarten, wie bspw. PayPal oder Sofortüberweisungen. Dies wird zusätzlich durch neueste Zahlen der BS PAYONE Weihnachtstudie 2017 zur Nutzung von Bezahlverfahren im E-Commerce belegt. Die Ergebnisse zeigen, dass PayPal mit 35 % des Umsatzes absoluter Marktführer bei diesem Thema ist (Vgl. BS PAYONE (2017): Weihnachten 2017 versetzt Verbraucher erneut in Kaufrausch). Durch die wachsende Bedeutung der Smartphones im Alltag und den damit verbundenen technischen Möglichkeiten, wuchs die Zahl neuer Verfahren und Anbieter, auch am Point of Sale, überproportional an. Dies setzt traditionelle Bankhäuser einem zunehmenden Wettbewerbsdruck aus.

Instant Payment

Instant Payment beschreibt elektronische ­Massenzahlungslösungen, die 24/7/365 verfügbar sind und zu einem sofortigen oder nahezu unverzüglichen Interbanken-Clearing der Transaktion und einer Gutschrift auf dem Konto des Zahlungsempfängers führen (Vgl. EHI (2017): E-Commerce Markt Deutschland 2016).

Am 21. November startete, in Deutschland bisher nur für Kunden der UniCredit, mit Instant Payment eine weitere Neuerung die den Zahlungsverkehr grundlegend verändern soll. 

Zahlungseingang in 10 Sekunden

Das European Payment Council (EPC) definierte Instant Payment, zu Deutsch Echtzeitzahlungen, als Zahlungen bis 15.000 € die jederzeit, d. h. 24h an allen 365 Tage im Jahr innerhalb von maximal 10 Sekunden ausgeführt und auf dem Empfängerkonto gutgeschrieben werden. Dabei besteht eine grundsätzliche Unabhängigkeit von dem zugrunde liegenden Zahlungsinstrument (Überweisung, Lastschrift oder Zahlungskarte), den zugrundeliegenden Bestimmungen für das Clearing (ob bilaterales Interbanken-Clearing oder Clearing über Infrastrukturen) sowie dem Settlement.

Letztgenannte kann laut Regelwerk entweder end-to-end oder mittels eines Garantiemodells umgesetzt werden.

Beim end-to-end Settlement (straight forward processing) gehen die Banken mit ihrer Zahlung sofort ins Clearing, damit folgend das Settlement unverzüglich umgesetzt werden kann.

Im Gegensatz dazu sprechen sich Banken beim Garantiemodell, solche Garantien gegenseitig aus, die erst am Ende des Tages gegenseitig verrechnet werden.

Aufgrund der gegenseitigen Garantiezusage kann diese dem Empfänger ebenfalls gegeben werden, womit laut Regelwerk eine „near-instant“ Lösung besteht (Vgl. EPC (2017) SEPA INSTANT CREDIT TRANSFER (SCT INST) SCHEME RULEBOOK).

Im Vergleich zur klassischen SEPA-Überweisung wird bei Instant Payment der Überweisungsbetrag innerhalb von zehn Sekunden auf dem Empfänger-Konto gutgeschrieben. Es folgt somit eine sofortige Belastung des Kontos des Auftraggebers. Dadurch haben sowohl Initiator als auch Empfänger jederzeit Klarheit über ihren aktuellen Kontostand und damit über ihre verfügbare Liquidität. Bisher hatte die Abbildung des Transfers mindestens einen Geschäftstag gedauert. Die direkte Wertstellung beim Zahlungsempfänger stellt vor allem für den Handel einen großen Vorteil dar. Sie können dank der sofortigen und unwiderruflichen Wertstellung ohne Risiko ihre Waren unmittelbar versenden.

Voraussetzung für den Eintritt dieser Szenarien ist jedoch zunächst eine flächendeckende Akzeptanz. Auch die Händler wurden in den letzten Jahren mit immer neuen technischen Zahlungsabwicklungsmethoden konfrontiert. Die Bereitschaft ihrerseits wird zu einem großen Teil von den Kosten für den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur abhängen. Ziel muss es daher sein, dass zukünftig alle Kunden, deren Payment Service Provider die Abwicklung von Instant Payment unterstützt, diese auch beim Händler nutzen können. 

Vorteile von Instant Payment

Der größte Nutzen wird dem Person-to-Person (P2P)-Bereich zugeschrieben (Vgl. gs1-Germany (2017) Mobile in Retail Studie 2017 Die 18 Kernergebnisse). Egal, ob beim privaten Autoverkauf oder beim Restaurantbesuch mit Freunden. Vor allem solche Vorgänge, bei denen heute Bargeld und Schecks eingesetzt werden müssen, können zukünftig über Instant Payment abgewickelt werden.

Aus makroökonomischer Sicht könnten damit Kosten reduziert werden, da Bargeld und Schecks nicht mehr verwaltet werden müssen bzw. die Produktion dieser heruntergefahren werden kann.

Selbiges gilt für den Person-to-Business (P2B)-Bereich. Ob die Bezahlung des Umzugsunternehmens oder der Möbellieferanten, die Zug-um-Zug Geschäfte können mittels Instant Payment zukünftig ohne Bargeld vollzogen werden. Dies ist sowohl für den Konsumenten als auch den Lieferanten sehr komfortabel, da der Weg zum SB-Bank Automaten zur Aus- bzw. Einzahlung gespart werden kann und kein Risiko besteht, das Geld zu verlieren.

Ebenso bestehen zahlreiche Vorteile im Business-to-Business (B2B)-Bereich. Rechnungen können am letzten Tage der Zahlungsfrist veranlasst werden und nicht mehr 2-3 Tage zuvor, damit sie rechtzeitig zum Fälligkeitstag beim Empfänger ankommen. Dies führt dazu, dass die Unternehmen (Finanzinstitute eingeschlossen) diese Cashflows 2-3 Tage länger selbst effektiv nutzen können, wie z. B. für Geldanlagen oder anderes.

Auf der anderen Seite hätte dies aber auch positive Auswirkungen aus mikroökonomischer Sicht. Mittels Instant Payment können Unternehmen ihr Cashflow-Management optimieren und dadurch den Bedarf an externen Finanzierungen reduzieren. Ebenso sind die Unternehmen mit sinkendem Bargeldverkehr u. a. in der Lage, ihre Versicherungskosten zu reduzieren, wie z. B. die Bargeldversicherung.

Aber auch die Zahlungsverkehrs-Anbieter können langfristig von Instant Payment profitieren. Sie erhalten die Möglichkeit neue Umsatzpotenziale zu erschließen und die Kundenbeziehung zu festigen.

Vor allem im Kampf gegen neue digitale Player sollten die europäischen Banken langfristig den bisherigen Wettbewerbsnachteil aufholen können.  Ebenfalls positiv dürfte sich Instant Payment auf die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs innerhalb Europas auswirken, da dieses Verfahren auch E- und M-Payments weiter fördert.

Die Pioniere des Instant Payment

Die Idee von Instant Payment ist nicht neu. Bereits im Jahr 2001 wurde in Kanada mit Interac e-Transfer ein System eingeführt, welches die unmittelbare Abwicklung von Zahlungen abbilden konnte. Im Laufe der vergangen sechzehn Jahre folgten zahlreiche Länder auf der ganzen Welt. In Europa gilt Großbritannien mit der Einführung von Faster Payment im Jahr 2008, als Pionier für die Echtzeitabwicklung von Zahlungen (Vgl. Winter, H. (2016): Neue Horizonte im Zahlungsverkehr mit Instant Payments. In A. Dittrich & T. Egner (Hrsg.), die bank. Trends im Zahlungsverkehr III, S.81-90). Als zweites Vorreiterland innerhalb Europas ist Dänemark zu nennen. Dort besitzen heute 9 von 10 Smartphone Nutzern eine App für Instant-Payment-Zahlungen und es ist heute bereits Alltag die Einkäufe auf dem Wochenmarkt bequem digital in Echtzeit zu bezahlen (Vgl. Bundesbank (2016): Digitale Bezahlverfahren: Auf nahe Sicht das „Non plus ultra“?).

Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

Um einer weiteren fragmentierten Entwicklung nationaler Instant-Payment-Strukturen vorzubeugen, veröffentlichte das European Retail Payments Board im Dezember 2014 den Beschluss ein europaweites Rahmenwerk zu schaffen. In ihrem Statement hieß es: „Es besteht die Notwendigkeit einer europäischen Lösung für Instant Payment in EUR, die für alle Payment Service Provider (PSP) offen ist.“ (European Central Bank (2014): Statement following the second meeting of the Euro Retail Payments Board held on 1 December 2014).

Das European Payment Council gibt an, dass mit der frühzeitigen Initiierung der Richtlinie präventiv eine Siloentwicklung, ähnlich wie es sie für Überweisungen gab, verhindert werden sollte (Vgl. European Payment Council (a) (2017) SEPA Instant-Credit-Transfer). Stattdessen sollten die nationalen Geldinstitute und Zahlungsdienstleister europaweit einheitliche Leitlinien mitentwickeln, um potenzielle Doppelarbeiten und ineffiziente Ressourcenallokation zu vermeiden.

Die EU fördert die europaweite Etablierung von Instant-Payment-Lösungen

Dieser gemeinsame Standard sollte anschließend auf nationaler Ebene übernommen werden, wobei die Teilnahme zunächst optional ist. Dies führte jedoch dazu, dass der bisherige Zuspruch der Finanzinstitute überschaubar ist.

Bis Oktober 2017 hatten ca. 600 Banken aus 8 Ländern das sogenannte Adherence Abkommen, die Beitrittserklärung zur Teilnahme am Instant-Payment-Programm, unterzeichnet (Vgl. European Payment Council (b) (2017) Registers participants sepa-payment-schemes). Diese 600 Banken umfassen dabei aber gerade einmal 38 von mehr als 1.000 Finanzinstituten innerhalb der EU. Aus Deutschland hat mit der UniCredit sogar nur ein einziges Institut die Implementierung von Instant Payment für dieses Jahr umgesetzt. Und auch für das kommende Jahr haben bisher nur die Sparkassen das Abkommen, mit dem Ziel zur Umsetzung ab 07/2018, unterzeichnet (Vgl. European Payment Council (a) (2017) SEPA Instant-Credit-Transfer). Andere Institute in Deutschland haben ebenfalls bereits verlauten lassen, dass sie im Laufe des kommenden Jahres nachziehen wollen (Vgl. Backhaus, D. (2017): Euro-Echtzeitzahlungen starten mit einer deutschen Bank). Offiziell ist dies aber noch nicht. Es ist daher davon auszugehen, dass es noch einige Jahre in Anspruch nehmen wird, ehe das Ziel eines flächendeckenden Angebots erreicht ist.

Somit besteht momentan für die meisten ­Finanzinstitute ein strategischer Zwiespalt. Auf der einen Seite könnte es beträchtliche Kostenersparnisse und ein reduzierteres Risiko mit sich bringen, die weitere Entwicklung von ­Instant Payment zunächst abzuwarten bis eine gewisse ‘Marktreife‘ eingetreten ist. Dies umfasst sowohl die Nachfrageseite, als auch die technische Seite. Da das SEPAInst – Scheme für weitere Anpassungs- und Verbesserungsvorschläge freigegeben ist. Auf der anderen Seite haben Pioniere wie UniCredit die Chance frühzeitig neue Kunden zu gewinnen und zu binden, sollte die allgemeine Nachfrage nach Instant Payment doch sofort vorhanden sein.  

Sicherheitsbedenken der Konsumenten

Beim Konsumenten dürfte die Akzeptanz ungleich schwieriger zu erreichen sein. Im Alltag wird Instant Payment in vielen Fällen nur in Kombination mit Mobile-Payment-Lösungen funktionieren können. Diese werden aber nach wie vor von den meisten Menschen sehr kritisch betrachtet. So lehnten laut Bitkom-­Studie im Jahr 2016 noch 40 % die Zahlung per Smartphone kategorisch ab.  Als größtes Hindernis wurden, von 38 % der Befragten, die Bedenken bezüglich fehlender oder unzureichender Sicherheitsstandards angeben (Vgl. Bitkom (2016): Digital Banking). Nur wenn es gelingt diese Sicherheitsstandards, in Verbindung mit einer einfachen Handhabung und einer praxistauglichen Technik zu gewährleisten, kann die gewünschte Akzeptanz eintreten. Ein besonders hoher Wert wird diesbezüglich auf das anonyme Bezahlen gelegt. Dies bedeutet, dass der Händler Name, Anschrift und Kontodaten des Kunden nur dann erhält, wenn der Kunde dies explizit autorisiert hat. Entsprechende Richtlinien sind derzeit aber noch nicht gesetzlich gefordert. 

Herausforderungen für die Banken

Die Umstellung des Massenzahlungsverkehrs der Banken auf Nahezu-Echtzeitsysteme birgt umgekehrt aber auch zahlreiche Risiken.

Zunächst bedeutet die Umstellung für die Banken vor allem ein hoher organisatorischer Aufwand in Bezug auf die Technik und das Personal.  Die derzeit vorherrschende Batch-Verarbeitung ist nicht kompatibel zur sofortigen Ausführung des Clearings. Gerade in der Einführungsphase wird sehr viel ­manuelle Arbeit notwendig sein wofür entsprechende Verfügbarkeiten und Kapazitäten geschaffen werden müssen. Hierbei sind aber wiederum auch arbeitsrechtliche Gesichtspunkte hinsichtlich der 24/7/365 Verfügbarkeit zu beachten. Ebenso müssen die Know-Your-Customer- (KYC) und Geldwäschepräventionsmaßnahmen weiter den regulatorischen Anforderungen entsprechen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es für Instant Payment viele Anwendungsfälle mit einem Mehrwert für die Nutzer gibt, diese aber von den Vorzügen überzeugt werden müssen, um eine langfristige Alternative zu Bargeldzahlungen darzustellen. Hierfür gilt es zunächst eine entsprechende Infrastruktur zu schaffen. Nur so kann eine breite Anwendbarkeit gewährleistet und direkte Netzwerk­effekte realisiert werden, welche langfristig zu einem stabilen Zahlungssystem führen.

Erst wenn es gelungen ist, ein stabiles Netzwerk zu schaffen, dass eine hinreichende Zahl an Nutzern aufweist, wird eben dieses für weitere Nutzer interessant. Die Folge ist im besten Fall ein exponentielles Wachstum bis zur Marktsättigung. Hier sind wiederum die Banken gefordert. Nur wenn es gelingt ein Netzwerk zu schaffen, in welchem jeder Nutzer, unabhängig von Payment Service Provider, immer und überall Instant Payment verwenden kann, wird langfristig eine entsprechende Akzeptanz entstehen können. Kurzfristig wird Instant Payment wohl nur das Lastschriftverfahren ablösen können. Bis zur Ablösung des Bargelds wird es dagegen noch einige Zeit dauern. 

Autoren: Stefan Roßbach, Robert Hesse, Dennis Hossenfelder

Hinweis: Die ausführlichen Quellen befinden sich im PDF des Whitepapers