Robo Advisory: Vermögensverwaltung 2.0

Die weltweite Digitalisierung lässt in der Finanzbranche neue Dienstleistungen entstehen. Im Retail-Banking haben sich Fintechs bereits mit innovativen Financial Services etabliert. Nun machen sie den Geldhäusern auch im Wealth Management Konkurrenz. Mittels Robo Advisory – automatisiertem Portfoliomanagement auf digitalen Plattformen – erschließen sie in der Vermögensverwaltung neue Zielgruppen.

Wer wohlhabend ist und sein Geld gewinnbringend anlegen will, vereinbart in der Regel einen Termin mit seinem privaten Vermögensberater. In einem persönlichen Gespräch wird ausführlich die aktuelle Lebenssituation besprochen, die Risikoneigung und Anlageabsicht geklärt und anschließend gemeinsam eine individuelle Anlagestrategie entwickelt. Bislang war dieser Service wohlhabenden Investoren vorbehalten, die ein Vermögen von mindestens 500.000 oder einer Million Euro bereitstellen.

Doch mit der Verbreitung des Internets sind neue Kundenbedürfnisse und auch digitale Dienstleistungen entstanden, die im Wealth Management neue Zielgruppen erschließen. Schon seit längerem können sich zum Beispiel private Anleger bei Direktbanken oder Fondsshops über Anlageprodukte informieren, diese erwerben und selbständig im Onlinedepot verwalten.

Relativ neu ist dagegen das sogenannte Social Trading, bei dem Geldanleger ihre Vorgehensweise über eine Online-Plattform mit anderen Privatanlegern vergleichen und bessere Anlagestrategien mit wenigen Klicks auf ihr Depot übertragen.

Darüber hinaus besteht ein weiterer Trend, der immer mehr Kunden anzieht: Die Rede ist von Robo Advisory, automatisierte Vermögensverwaltung. Auf digitalen Plattformen bieten die Robo Advisors auch weniger vermögenden Kunden die Möglichkeit, ihr Kapital in speziellen Wealth-Management-Angeboten anzulegen. Die Verwaltung und Steuerung des Geldes übernehmen ausgeklügelte Algorithmen.

Die Vorteile für den Nutzer liegen in der Kosten- und Zeitersparnis. Statt eines langen Beratungsgespräches mit dem Vermögensberater, können sie online innerhalb von 10 Minuten eigenständig ein Chancen-Risiko-Profil erstellen und anschließend das angelegte Geld vollautomatisch verwalten lassen. Mit Hilfe automatisierter Prozesse gelingt es den Robo-Advisory-Anbietern, diese sonst kostspieligen Dienstleistungen einer breiten Kundengruppe günstig zugänglich zu machen. 

Was der Markt bietet

Um das Marktpotenzial der Robo-Advisors abschätzen zu können, gilt es zu verstehen, wie diese Art der Vermögensverwaltung funktioniert. Als Beispiel bietet sich das Geschäftsmodell von Vaamo an, einem in Deutschland führenden Anbieter für automatisiertes Portfoliomanagement. Um herauszufinden, welcher Typ Anleger ein Portfolio auf der Online-Plattform eröffnen möchte, greift das Frankfurter Startup zunächst auf einen standardisierten Prozess zur Bestimmung des Kundenprofils zurück. Anhand eines Fragenkatalogs werden Lebenssituation, Risikoneigung sowie Sparziel und Anlagezeitraum des Kunden abgefragt. Auf Basis der Antworten erstellt ein Algorithmus anschließend ein auf den Anleger zugeschnittenes Portfolio.

Dabei greift Vaamo auf einen Bestand aus fünf passiv gemanagten Fonds zurück. Sie enthalten zum einen Aktien verschiedener Risikoklassen und zum anderen lang- und kurzfristige Anleihen. Ziel ist es, stets die ursprüngliche Portfolioaufteilung zu halten. Vaamo bietet aus diesem Grund zwei Arten des Rebalancing an: das „Mini-Rebalancing“, welches für eine adäquate Verteilung der monatlichen Spareinzahlungen sorgt sowie ein jährliches Wiederherstellungsverfahren als zweite Variante. Vaamo stellt im Zuge dessen alle Portfolios auf ihre ursprüngliche Aufteilung zurück. Die Verwaltung der Depots wird von der Fil Fondsbank übernommen.

Auf einem ähnlichen Geschäftsmodell basiert die Plattform easyfolio, die seit ihrem Markteinstieg 2014 rund 6,5 Millionen Euro eingesammelt hat. Dennoch gibt es einige Unterschiede.

Anders als bei Vaamo wird dem Kunden zum Beispiel nach der Profilerstellung eins von insgesamt drei „easyfolios“ zugewiesen. Die Namen easyfolio 30, 50 und 70 stehen stellvertretend für die jeweilige Aktien-Anleihen-Aufteilung. Risikofreudigen Anlegern wird beispielsweise das easyfolio 70 zugewiesen, das zu 70 Prozent aus Aktien und zu 30 Prozent aus Anleihen besteht. Jedes easyfolio beinhaltet 15 verschiedene ETFs. Zusätzlich hat der Kunde die Möglichkeit, sein Portfolio mit einer Rentenversicherung (Privat/Riester/Rürüp) zu kombinieren.

Als weiteres Feature bietet easyfolio individuelle Spar- und Auszahlpläne an. Alle drei Portfolios werden im Laufe des Anlagezeitraums an die Marktgegebenheiten angepasst. Um die vorher angegebene Allokation jedoch aufrecht zu erhalten, werden quartalsweise Rebalancings durchgeführt. Nach diesem Prinzip wird das münchener Unternehmen nach eigenen Angaben bis Ende 2015 voraussichtlich bis zu 35 Millionen Euro managen.

Die Geschäftsmodelle von Vaamo und Easyfolio stehen stellvertretend für eine Vielzahl an Robo-Advisors, die derzeit auf dem deutschen Markt um die Gunst privater Anleger werben.

Die Geschäftsmodelle der deutschen Robo Advisory Anbieter ähneln sich. Doch ein Blick auf den amerikanischen Markt zeigt, dass das Potenzial digitaler Vermögensverwaltung hierzulande noch längst nicht ausgeschöpft ist. Das Dienstleistungsspektrum in den USA ist weitaus umfangreicher als das der deutschen Konkurrenz. Die Vorreiter und weltweit führenden Anbieter der Branche, Wealthfront und Betterment, bieten zum Beispiel die automatische Reinvestierung von Dividenden und spezielle Steueroptimierungsverfahren an. Um steuerliche Vorteile zu erlangen, wird insbesondere auf die Technik des „Tax-Loss-Harvesting“ zurückgegriffen. Verluste aus schlecht performenden Index Fonds werden realisiert und dann in ETFs der gleichen Asset-Klasse reinvestiert. Nach amerikanischer Gesetzgebung hat der Kunde das Recht, die realisierten Verluste steuerlich geltend zu machen.

Ebenso interessant ist der Weg, den Personal Capital einschlägt. Der amerikanische Robo Advisor stellt Nutzern eine Plattform zur Verfügung, in die alle bereits bestehenden Konten und Portfolios integriert werden können. Neben zahlreichen kostenlosen Analyse-Tools bietet das Unternehmen auch eine persönliche Beratung für Kunden mit einem Mindestanlagevolumen von 100.000 US-Dollar an.

Mit ihren umfangreichen Services sind die amerikanischen Robo Advisors auf Wachstumskurs. Betterment sammelte bereits im ersten Marktjahr (2010) mit seiner onlinebasierten Vermögensanlage zehn Millionen Dollar ein. Mittlerweile liegt das jährliche Anlagevolumen bei 2,8 Milliarden Dollar, die Kundenzahl ist auf 115.000 gestiegen. Ebenso erfolgreich entwickelt sich Wealthfront als direkter Wettbewerber.

Diese Wachstumszahlen der beiden führenden Marktplayer indizieren, dass auch die Beliebtheit deutscher Robo Advisors weiter zunehmen wird. Ein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Weiterentwicklung dürfte vor allem die Integration von zusätzlichen Dienstleistungen sein, wie sie auch in den USA angeboten werden, zum Beispiel Steueroptimierungsverfahren oder die Einbindung eines persönlichen Beraters. Robo Advisory ist demnach nicht als die Ablösung des Bank-Beraters (Advisor) zu verstehen, sondern kann ebenso als „Robo + Advisor“ umgesetzt werden, also die Kombination aus klassischer Beratung und Algorithmus basierten Anlageformen - zumal Robo Advisors auch keine Anlageberatung sondern lediglich eine Anlagevermittlung ausführen.

Was Robo Advisory leisten kann

Grundsätzlich stellt sich bei den dargestellten Geschäftsmodellen die Frage nach den Vorteilen und Nachteilen, die sie für den Kunden mit sich bringen. Aufschluss gibt ein Vergleich der wesentlichen Kriterien aus Nutzersicht.

Gebühren

Ein wesentliches Kriterium aus Anlegersicht sind die anfallenden Gebühren. Robo Advisors halten mit wenigen Ausnahmen nur ETFs. Diese passive Anlagestrategie gepaart mit einem vollautomatisierten Portfoliomanagement sorgt für einen sehr geringen Kostenaufwand. Die Kosten spielen sich zwischen einem Viertel und einem Prozent des Anlagebetrags jährlich ab. Ausgabeaufschläge und Managementgebühren entfallen.

Dazu kommt die höhere Transparenz. Zum einen kann der Anleger die komplette Vermögensübersicht jederzeit online oder auf seinem Smartphone abrufen. Zum anderen sind die Preise und Kosten für den Kunden auf einen Blick ersichtlich. Dadurch kann er verschiedene Anlageprodukte leichter miteinander vergleichen. Insgesamt schneiden die Angebote von Robo Advisors preislich günstiger ab als ein konventioneller Dachfonds.

User Experience

Digitale Vermögensverwaltung richtet sich in erster Linie an private Anleger, die selbstbestimmt über ihre Finanzen entscheiden, Vorwissen mitbringen und auch mit wenig Kapital die Vorteile eines diversifizierten Anlageportfolios nutzen wollen. Der Einstieg wird ihnen auf Robo-Advisory-Portalen vereinfacht. Ein Katalog aus Fragen führt den Kunden durch den Prozess zur Bestimmung seines Chancen-Risiko-Profils. Nachdem dieser abgeschlossen ist, wird mittels Grafiken übersichtlich dargestellt, aus welchen Vermögenswerten sich das Portfolio zusammensetzt. Außerdem werden verschiedene Szenarien aufgezeigt, wie sich der durchschnittliche Wert entwickeln kann. Auch detaillierte Information zu den Kosten und Anlagestrategien sind für den Nutzer in der Regel sehr leicht zugänglich. Er kann die Performance seines Algorithmus gesteuerten Portfolios zudem jederzeit zu Hause oder auf dem mobilen Device kontrollieren.

Demokratisierung der Geldanlage

Aufgrund automatisierter Prozesse ist es den neuen Akteuren möglich, spezielle Wealth-Management Dienstleistungen auch weniger vermögenden Retailkunden anzubieten. Die vollständige Verwaltung der Anlage inklusive Zusatzleistungen wie zum Beispiel der Steueroptimierung sind dank geringer Kosten für jedermann zugänglich. Einstiegshürden in Form eines Mindestanlagebetrages wie im klassischen Wealth Management gibt es bei den Robo Advisors nur vereinzelt.

Maschine statt Mensch

Robo Advisory bedeutet, dass Anlageentscheidungen ausschließlich auf Basis von Algorithmen getroffen werden. Viele Nutzer sehen darin einen Vorteil, weil menschliche Emotionen das Risiko von Panikhandlungen bergen. Dieses Risiko wird durch vollautomatisierte Prozesse ausgeschlossen. Anlageentscheidungen über Marktanpassungen und zukünftige Investitionen werden aufgrund wissenschaftlicher Portfolio Management-Theorien entschieden und nicht anhand persönlicher Erfahrungen.

Es ist jedoch anzumerken, dass auch konventionelle Anlagen häufig über Algorithmen gesteuert werden und die Entscheidung eines erfahrenen Fondsmanagers in Zeiten starker Preisschwankungen an den Kapitalmärkten grundsätzlich nicht nachteilig zu bewerten ist.

Robo Advisor sind keine Advisor

Der Begriff „Robo Advisor“ trügt, denn die Unternehmen üben im rechtlichen Sinne keine Beratungsleistung aus und äußern dies auch in ihren AGBs. Anders als konventionelle Vermögensverwalter führen die Anbieter digitaler Portfolioverwaltung keine Angemessenheits- und Geeignetheitsprüfung durch und beschränken sich zudem auf einen einfach gehaltenen Fragenkatalog.

Die Dienstleister berufen sich dabei auf das „Execution Only“ Prinzip. Demnach setzen sie lediglich den Kaufauftrag des Kunden um. Für den Nutzer kann dies tiefgreifende Folgen haben. Erstellt ein Kunde beispielsweise ein Konto in Zeiten steigender Kurse, so wird er durch die allgemein herrschende Euphorie eher geneigt sein, eine höhere Risikobereitschaft anzugeben, als sie ihm entspricht. Dies gilt auch für den entgegengesetzten Fall: Wenn sich Kunden aufgrund fallender Kurse zu pessimistisch geben, kann ihnen die gewünschte Rendite entgehen.

Der fehlende „Personal Touch“

Hier lässt sich an den vorherigen Punkt anknüpfen. Ein sehr volatiles Marktumfeld könnte den ein oder anderen Robo Advisor künftig noch vor große Herausforderungen stellen. Kommt es zu fallenden Kursen, besteht die Möglichkeit, dass in Panik geratene Kunden zunehmend persönliche Beratungen in Anspruch nehmen wollen. Ein erfahrener Berater, der den Kunden in solchen Zeiten beruhigen kann, ist jedoch nicht gegeben.

Noch junges Verfahren

Seit dem Markteintritt des Branchenprimus Wealthfront im Jahre 2011 wurde die Performance der Portfolios durch stetig steigende Börsenkurse unterstützt. Potenzielle Nutzer eines Robo Advisors sollten sich jedoch bewusst sein, dass die neuen Dienstleistungen noch nicht unter Gegebenheiten wie der Finanzkrise 2008 geprüft sind. Die Liste der Erfolge unter erschwerten Marktgegebenheiten ist daher bisher begrenzt.

Kein integriertes Angebot

Im Gegensatz zur klassischen Vermögensberatung sind die Geschäftsmodelle der Robo Advisor nicht ganzheitlich ausgerichtet. Statt die gesamte finanzielle Lage eines Kunden zu berücksichtigen, beschränken sich die Anbieter lediglich auf das Vermögen, das auf der jeweiligen Plattform angelegt ist. Eine optimale Allokation aller Vermögenswerte kann somit nicht garantiert werden. Zusätzliche Services, die den Kunden in bestimmten Lebensabschnitten, wie beispielsweise der Familiengründung, dem Kauf einer Immobilie oder Erbschaft unterstützen, werden ebenfalls (noch) nicht angeboten.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Robo Advisory“ nicht als Anlageberatung im klassischen Sinne verstanden werden kann. Wer das automatisierte Vermögensmanagement in Anspruch nimmt, erhält zwar ein vollständig verwaltetes Portfolio, muss aber in der Beratung deutliche Abstriche machen. Im Vergleich zum traditionellen Private Banking greifen Fragen zur Profilbestimmung nicht tief genug und klären den unerfahrenen Kunden nicht genügend über Anlagerisiken und Renditechancen auf. Wer sich aus fehlerhafter Risikoeinschätzung in turbulenten Zeiten an einen Berater wenden möchte, dem bleibt diese Möglichkeit meist verwehrt. Auf Grund dessen werden Robo Advisors aktuell den klassischen Bankberater und Vermögensverwalter nicht substituieren können. Nach Aussagen der Plattformgründer ist dies auch nicht beabsichtigt, da es sich bei ihrem Angebot lediglich um eine Anlagevermittlung handelt. Die Zielgruppe ist nicht der vermögende Unternehmer oder reiche Privatier, sondern digital affine Kunden, die bereits über Finanzwissen verfügen und auch ohne großen Kapitaleinsatz einen langfristigen Vermögensaufbau anstreben. Um Wealth-Management-Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, fehlen dieser Klientel überwiegend die Mittel. Nichtsdestotrotz profitiert die Zielgruppe von einer völlig neuen Möglichkeit, ihr Geld anzulegen. Die Prozesse gestalten sich einfach und benutzerfreundlich, die Anforderungen technikversierter Kunden sind erfüllt und zusätzlich werden alle Investmententscheidungen vollständig mittels Algorithmus übernommen. Ist beabsichtigt, sein Geld kostengünstig und diversifiziert anzulegen, ohne in die Entscheidungen involviert zu sein, ist Robo Advisory eine spannende Alternative zu konventionellen Anlageformen.

Autoren: Stefan Roßbach, Christiaan Eckhart, Jan Abhau